Die Deutschen sparen Wasser wie kaum eine andere europäische Nation, müssen aber immer mehr für das kostbare Nass bezahlen!
Das Interview führte Erwin Bauer, Oldendorf (Erstveröffentlichung in bi GalaBau 10 +11 2007)
Deutschland liegt im europäischen Vergleich beim Wassersparen in der Spitzengruppe. In der Schweiz und Italien ist der Pro-Kopf-Verbrauch beim Trinkwasser fast doppelt so hoch wie hierzulande. Die Wassersparwut der Deutschen ist aber gefährlich für die Frischwassernetze und für die Abwasserkanäle, weil diese durch ungenügende Spülung schneller kaputt gehen. Wassersparen ist also kontraproduktiv.
Diese Aussage vertraten Experten der Wasserwirtschaft in dem Plus-Minus-Fernsehbeitrag
„Trinkwasser – teure Sparsamkeit“ vom 3. Juli 2007 (Das Erste).
Seit 1990 sank der Pro-Kopf-Verbrauch der Privathaushalte demnach in Deutschland von 147 Liter auf 125 Liter am Tag. Besonders stark war der Rückgang in Ostdeutschland. Hier sank der Verbrauch auf 93 Liter am Tag (West: 132 Liter). Durch die geringere Durchspülung korrodieren die Abwasserkanäle schneller und müssen früher saniert werden. Feststoffe wie Fäkalien bleiben liegen, faulen, es entsteht Schwefelsäure, die Löcher in die Rohre ätzt. Um dem gegenzuwirken müssen die Kanäle mit großem Aufwand durchgespült werden. Auch die Frischwasserleitung wird gespült, um einer Verkeimung durch zu lange Standzeiten vorzubeugen.
Hans-Jürgen Leist von der Forschungsstelle Recht, Ökonomie und Umwelt der Universität Hannover fordert daher auch ein Gebührenmodell mit einem höheren Grundpreis, der in etwa die Fixkosten der Wasserwerke abdeckt, und einem niedrigeren Verbrauchspreis, der nicht mehr so sehr zum Sparen anreizt. Dr. Jörg Rehberg vom Bundesverband der Gas und Wasserwirtschaft bezifferte den Fixkostanteil auf 80 Prozent. So hoch sollte dann auch der Grundpreis im Verhältnis zum Verbrauchspreis sein. Würde der Grundpreis von jedem einzelnen Haushalt erhoben, profitierten vor allem Familien mit Kindern. Eine fünfköpfige Berliner Familie mit einem durchschnittlichen Wasserverbrauch zahlte dann statt derzeit 1.106 Euro nur noch 480 Euro im Jahr. Auch alle Zwei- und Dreipersonenhaushalte würden entlastet. Mehr belastet würden hingegen Einpersonenhaushalte.
„Aus ökonomischen, aber auch aus ökologischen Gesichtspunkten macht das Wassersparen, wie wir es in der Vergangenheit propagiert haben, keinen Sinn mehr,“ erklärte der Gelsenwasser-Chef Dr. Manfred Scholle gegenüber dem WDR Fernsehen („markt“). Was die Bürger zunächst an Wasser sparten, werde vom Wasserwerk wieder durch die Rohre geschickt. Der erhöhte Spül- und Reparaturaufwand sorge für Kosten, die dann auf den Wasserpreis umgelegt werden.
Wir befragten dazu Dipl.-Ing. Klaus W. König, öffentlich bestellter und vereidigter Gutachter für die Bewirtschaftung und Nutzung von Regenwasser, Architekt und Fachbuchautor aus Überlingen am Bodensee und Vorstandsmitglied der fbr (www.klauswkoenig.de).
Herr König, macht es angesichts marodierender Kanal- und Frischwassernetze sowie steigender Preise eigentlich noch Sinn für den Bürger, weiterhin Trinkwasser zu sparen?
Lassen Sie mich vorneweg eines korrigieren: Beim Frischwasser leidet nicht das Rohr, sondern die Qualität des Wassers bei abnehmendem Verbrauch. Es lösen sich Schadstoffe und bilden sich Keime. Nach der ersten Ölkrise von 1973 haben wir in Deutschland mit dem Sparen von Energie begonnen. In diesem Zuge hat sich Gott sei Dank bei unseren Bürgern auch ein Bewusstsein für den Wert des „Lebensmittels“ Trinkwasser eingestellt. Man lässt beim Zähneputzen nicht mehr das Trinkwasser laufen und lässt bei Neubau und Modernisierung WC-Spülkasten mit Spartasten einbauen. Und das ist gut so! Wer Wassersparen für steigende Preise verantwortlich macht und wieder zurück zu den Verhältnissen der siebziger Jahre möchte, wird Hohn und Spott ernten, weil es dem gesunden Menschenverstand widerspricht und auch dem, was die Schüler in der Schule heutzutage lernen. Übrigens sind die Haushalte gar nicht die größten Wassersparer in Deutschland.
Was meinen Sie damit?
Tatsache ist, dass besonders in wirtschaftlich schwachen Regionen der Wasserverbrauch der Industrie stark rückläufig ist. Neben Ostdeutschland gehört auch das Ruhrgebiet dazu, seit Brauereien, Stahlproduzenten und Zechen sich verabschiedet haben. In Dortmund sank der Wasserverbrauch in den letzten 10 Jahren auf die Hälfte, während die Wasserwirtschaft bei der Planung von Frischwassernetzen in Deutschland vor 20 Jahren eher von einer Verdoppelung ausgegangen ist. Entsprechend üppig sind jetzt die Rohrdurchmesser.
Könnten Sie sich mit dem Vorschlag für ein neues Gebührenmodell beim Frischwasserbezug mit 80 Prozent Fixkostenanteil anfreunden?
Es ist in Fachkreisen bekannt, dass der Fixkostenanteil für die Wasserversorger bei etwa 80% liegt. Daraus aber ein Gebührenmodell mit entsprechend hohem Grundpreis abzuleiten, ist genauso absurd wie eine „Flat-Rate“ für alkoholische Getränke in Diskotheken. Eine Flat-Rate würde nicht nur denen, die Regenwasser nutzen, eine schlechte Amortisation bescheren. Leidtragende wären auch Singles, also Ein-Personen-Haushalte. Und dazu gehört bekanntermaßen eine Vielzahl von Rentnern, die heute am Existenz-Minimum leben. Schon daran ist zu erkennen, wie kurz dieser Vorschlag gedacht ist. Er wird in erster Linie sozialen Unfrieden stiften! Wir müssen vielmehr die Ursachen der hohen Fixkosten ausfindig machen und dann dort mit der Lösung ansetzen.
Wo liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen der hohen Fixkosten und welche Lösung schlagen Sie vor?
Das Fraunhofer Institut ISI in Karlsruhe macht unter anderem den demografischen und sozialen Wandel in unserer Gesellschaft für das veränderte Verbrauchsverhalten verantwortlich. Die Zukunft hat längst begonnen, auch wenn es die Wasserversorger nicht wahr haben wollen. Wenn man weiß, dass das Bereitstellen von Lebensmittel-Qualität gemäß unserer sehr anspruchsvollen Trinkwasserverordnung vom Wasserwerk aus durch das weit verzweigte Trinkwassernetz bis hin zur Übergabe am Wasserzähler im Gebäude des Verbrauchers immer weniger gelingen wird, und zwar unabhängig vom Wassersparverhalten, dann muss die Struktur unserer Wasserversorgung entsprechend umgestellt werden.
Was heißt das konkret?
In den einzelnen Häusern einer Siedlung wird in einigen Jahrzehnten aus gesammeltem Regenwasser und aus Rohwasser bedarfsgerecht nur das wenige, zum Trinken erforderliche Wasser aufbereitet, kurz vor der Verwendung.
Dies senkt die Fixkosten des Wasserwerkes entscheidend, denn das Leitungsnetz muss nicht mehr keimfrei gehalten werden. Damit ist im Gegensatz zu heute auch egal, wie schnell oder langsam das Wasser durchfließt. In Knittlingen bei Karlsruhe wird das bereits an 100 Einfamilienhäusern probiert. Das Fraunhofer Institut ISI Karlsruhe hat hier in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut IGB Stuttgart, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und durch das Land Baden-Württemberg „am Römerweg“ das Projekt DEUS 21 (Dezentrale Urbane Wasserinfrastruktur-Systeme) initiiert. Die dort gewonnenen Erfahrungen lassen sich möglicherweise für ein neues Gebührenmodell heranziehen.
Zahlt sich der Einbau von Zisternen für die Gartenbewässerung, Toilettenspülung, Waschmaschine dennoch aus?
Zunächst einmal zahlt sich der Einbau von Zisternen immer für die Umwelt aus. Mit Regenspeichern wird das Niederschlagswasser aufgefangen und damit vom schnellen Abfluss Richtung Gewässer oder Kläranlagen abgehalten. Zusätzlich werden Trinkwasservorräte, z.B. mehere tausend Jahre altes Grundwasser, geschont. Wer weiches Regenwasser für die Waschmaschine nutzt, spart auch Waschmittel bzw. Enthärter ein und belastet damit das Abwasser weniger mit Chemikalien.
… und wirtschaftlich?
Es wirken sich all diese Einsparungen natürlich finanziell positiv auf die Haushaltskasse aus. Sogar volkswirtschaftlich profitiert unser Land davon: Wir sind Weltmeister im Export von Umwelttechnik, speziell bei Produkten zum Wassersparen. In aller Welt werden Regenwasserfilter „made in Germany“ gekauft, Tendenz steigend. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass weltweit die Trinkwasserreserven schneller schwinden als die Erdölvorräte. Derzeit wächst der Wasserverbrauch schneller als die Weltbevölkerung!
Wie groß sind eigentlich unsere Trinkwasserreserven?
Absolute Zahlen helfen hier wenig zum Verständnis der Situation. Die großen Trinkwasserversorgungsunternehmen behaupten gerne, in Deutschland bestehe kein Wassermangel. Tatsächlich jedoch haben wir lokal sehr unterschiedliche Verhältnisse. So hängt Bremen „am Tropf“ der Harz-Wasserleitung, Stuttgart und weite Teile von Baden-Württemberg sind auf die Bodensee-Fernwasserleitung angewiesen und Frankfurt versorgt sich mit Wasser aus dem Vogelsberg und dem Hessischen Ried. Teilweise ist dies „Plünderung“ in dünner besiedelten Gebieten und schädigt den dortigen Wasserhaushalt. Insofern haben wir ein Bereitstellungs- und Verteilungsproblem. Ich halte auch aus anderen Gründen nicht viel von Wasser- Pipelines. Seit der Antike ist bekannt, dass Fernwasserversorgungen für die davon abhängige Bevölkerung Risiken bergen.
Macht es in Zeiten der Klimaveränderung Sinn, möglichst wenig Wasser zu verbrauchen?
Klimaforscher prophezeien längere Trockenperioden und vermehrte Starkregenereignisse als Folge des Klimawandels für Deutschland. Die EU-Kommission verlangt im Grünbuch zum Klimawandel, das Ende Juni 2007 vorgelegt wurde, die effizientere Nutzung knapper Wasserressourcen. Demnach wird das gesamte Gebiet der EU häufiger von Dürreperioden bedroht sein. Mit der künftigen Wasserrahmenrichtlinie soll u.a. die Überbeanspruchung der Ressourcen verringert werden. Unangemessen niedrige Wasserpreise seien eine der Ursachen, heißt es da.
Der durchschnittliche Preis für Frischwasser stieg seit 1990 von 1,10 Euro auf 1,80 Euro pro Kubikmeter. Die Abwasserpreise stiegen in der Regel sogar noch stärker. Ist Trinkwasser immer noch zu billig?
Stellen Sie sich bitte einen Kubikmeter Trinkwasser einmal mengenmäßig vor. Das sind 1.000 Liter oder bildlich ausgedrückt drei randvolle Badewannen mit Wasser in Lebensmittelqualität. Was bezahlen Sie denn für andere flüssige Lebensmittel, zum Beispiel für 1.000 Liter Milch oder 1.000 Liter Apfelsaft im Vergleich dazu? Sind also 1,8 Cent für 10 Liter Trinkwasser wirklich viel? Unser Problem ist doch vielmehr, dass wir mit diesem Lebensmittel auch den Garten gießen und Fäkalien wegspülen. Da stimmt etwas Grundlegendes nicht! Und weil das immer mehr ins Bewusstsein der Bürger kommt, hat Wasser sparen und Regenwasser nutzen seit Jahren einen solchen Erfolg.
Tatsache ist aber auch, dass durch den niedrigeren Verbrauch die Abwasserkanäle schneller kaputt gehen, weil Feststoffe eher liegen bleiben, faulen und die entstehende Schwefelsäure Löcher in die Rohre ätzt. Um dem entgegenzuwirken, müssen die Kanäle häufiger durchgespült werden, was wiederum die Fixkosten erhöht. Wir haben also ein Problem, oder?
Jetzt muss ich Ihnen einmal eine Frage stellen: Warum haben wir diese Probleme nicht gehabt in der Zeit zwischen 1960 und 1970, als wir auf dem heutigen Stand des täglichen Pro-Kopf-Verbrauchs von 125 Liter Frischwasser waren? Hier wird so getan, als wären unsere Abwasserleitungen alle in der Zeit danach erst gebaut worden. Und selbst, wenn dies im Einzelfall einmal so ist, hat man heute die technisch einfache Möglichkeit, so genannte „Inliner“ einzuziehen. Das ist ein Rohr-im-Rohr-System. Der geringere Durchmesser und das günstigere Profil sowie das unempfindliche Kunststoffmaterial ermöglichen dann einen Abwasserabfluss, ohne dass Feststoffe liegen bleiben oder Schäden verursachen, auch bei geringer Abflussmenge. Wer hingegen die Lösung in einer Gebührenstruktur sieht, die das Wasser verschwenden unterstützt, macht den Bock zum Gärtner!